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Altenhilfe: Sehbehinderungen nehmen zu

Würzburg. Fortbildungsreihe „Sehen im Alter“ der Johann Wilhelm Klein-Akademie und der Blindeninstitutsstiftung gibt wichtige Impulse für den Alltag. Einrichtungen der Caritas sind erneut mit dabei.

Beschäftigte in der Altenpflege stehen vor einer großen Herausforderung: Die Zahl der blinden und sehbehinderten Senioren steigt stetig an und damit auch der Bedarf einer adäquaten Betreuung. Wie können Anzeichen für eine Augenerkrankung rechtzeitig erkannt werden? Welche Hilfsmittel gibt es, wenn die Brille nicht mehr ausreicht? Wie können Selbstständigkeit und Mobilität von Senioren möglichst lange erhalten werden? Antworten lieferte die Fortbildungsreihe der Johann Wilhelm Klein-Akademie in Zusammenarbeit mit der Blindeninstitutsstiftung in Würzburg, die sich gezielt an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Altenhilfe wendete. Sie fand in zwei Modulen am 18./19. Februar und am 30.06./01.07. statt.

Alexander Hartmann, Mitarbeiter im Burkardus Wohnpark der Caritas in Bad Kissingen, sitzt mit anderen Kursteilnehmern am Frühstückstisch und gießt Wasser in ein Glas. Wie schwierig eine so alltägliche Aufgabe für blinde und sehbehinderte Menschen sein kann, „sieht“ er nun selbst – denn er trägt eine Brille, die eine starke Sehbehinderung simuliert. Hartmann arbeitet im Sozialdienst im Burkardus Wohnpark und organisiert Betreuungsangebote wie Spielenachmittage, Gedächtnistraining oder Ausflüge für die rund 160 Senioren im Betreuten Wohnen.

Er legt großen Wert darauf, dass sich möglichst alle Bewohnerinnen und Bewohner an den Aktivitäten beteiligen können, auch mit einer Sehbeeinträchtigung: „Oft sind es nur Kleinigkeiten, die man beachten sollte, damit niemand ausgeschlossen wird. Es geht ja schon los, wenn man beim Mensch-Ärgere-Dich-Nicht das Spielbrett nicht gescheit sehen kann.“

Selbsterfahrung als Schlüsselerlebnis

Ein wichtiger Bestandteil der Fortbildung „Sehen im Alter“ ist deshalb die Selbsterfahrung. „Mit den Simulationsbrillen vermitteln wir den Teilnehmern einen kleinen Einblick in die Welt sehbehinderter Menschen und sie merken, wie wichtig beispielsweise hohe Kontraste, große Schriften und gute Beleuchtung sind“, sagt die Fortbildungsleiterin Sabine Kampmann, Orthoptistin am Blindeninstitut Würzburg.

Zusammen mit ihrer Kollegin Anna-Maria Koob-Matthes führt sie durch die ersten beiden Tage der viertägigen, auf zwei Module verteilten Fortbildung. Sie erläutern nicht nur, wie und warum wir sehen, sondern geben auch praxisnahe Tipps zur Früherkennung von Sehbeeinträchtigungen in der Altenhilfe. Einschlägige Erfahrungen dazu haben sie unter anderem im Modellprojekt „Sehen im Alter“ der Blindeninstitutsstiftung in Zusammenarbeit mit der Universitäts-Augenklinik Würzburg und der Johann Wilhelm Klein-Akademie gesammelt.

Fortbildung basiert auf Erfahrungen aus Modellprojekt

Während der drei Projektjahre hat das Team von Sabine Kampmann das Sehvermögen von rund 600 Seniorinnen und Senioren in Caritas-Einrichtungen in Unterfranken überprüft und falls nötig weitere augenärztliche Behandlungen und optische Maßnahmen empfohlen. Da die begleitenden Schulungen für die Pflegekräfte in den teilnehmenden Einrichtungen auf große Nachfrage stießen, wollte Sabine Kampmann nach dem Projektabschluss weitere Fortbildungen für Beschäftigte in der Altenhilfe anbieten: „Durch die finanzielle Unterstützung der Bert-Mettmann-Stiftung konnten wir ein umfassendes und intensives Fortbildungspaket mit hochkarätigen Referenten aus verschiedenen Fachrichtungen schnüren, das alle relevanten Bereiche rund um das Sehen im Alter abdeckt.“

Die Augenärztin Luisa Thederan, die die Fortbildungsteilnehmer über altersbedingte Augenerkrankungen und Augenpflege aufklärt, war ebenfalls bereits am Modellprojekt „Sehen im Alter“ beteiligt. Auch sie weiß, wie wichtig die Praxis ist und lässt die Teilnehmer üben, sich gegenseitig die Augen richtig zu tropfen: nicht mitten ins Auge, sondern bei leicht nach unten gezogenem Lidrand in den inneren Augenwinkel.

Demografische und psychosoziale Aspekte

Nochmals ganz andere Blickwinkel auf das „Sehen im Alter“ vermitteln die Referenten Marco Bambach, Vorstand der Blindeninstitutsstiftung, und Vera Heyl, Professorin für Psychologie und Diagnostik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg. Während Bambach den Einfluss des demografischen Wandels auf das Sehen beschreibt, geht Heyl darauf ein, welche Auswirkungen ein Sehverlust im Alter auf das seelische Wohlbefinden und die soziale Aktivität von Senioren hat.

Nicht selten lassen sich nämlich Depressionen oder ein Sich-Zurückziehen auch auf die Auswirkungen von Augenerkrankungen zurückführen. Die Professorin weist auf schon vorhandene Unterstützungsangebote für betroffene Senioren, auf Reha-Maßnahmen und die Selbsthilfe hin.

Intensivierte Selbsterfahrung im zweiten Fortbildungsblock

Nach so viel Input an den ersten beiden Tagen hatten die dreizehn Teilnehmer aus unterschiedlichen Bereichen der Altenhilfe bis Ende Juni Zeit, das Gelernte in der Praxis anzuwenden. Und es gab auch eine Hausaufgabe: Anhand eines Fragebogens sollte ein Bewohner in der eigenen Einrichtung, bei dem eine Sehbeeinträchtigung vermutet wird, genau beobachtet und die Auswirkungen seiner Beeinträchtigung dokumentiert werden. Im zweiten Modul der Fortbildung wurden die Fallbeispiele vorgestellt und gemeinsam besprochen. Bei der Beobachtung half den Teilnehmern auch ein 60 Seiten starker Leitfaden, der im Rahmen des Modellprojektes „Sehen im Alter“ entstanden war.

Auch im zweiten Fortbildungsmodul stand die Praxis im Mittelpunkt. Martina Hickisch und Inge Brendel, Rehabilitationslehrerinnen für Orientierung und Mobilität und Lebenspraktische Fähigkeiten intensivierten die Selbsterfahrung mit den Simulationsbrillen in typischen Alltagssituationen mit den Teilnehmern. Ihr Kollege Helmuth Platz stellte im Anschluss auch neue Medien für sehbehinderte und blinde Menschen vor. Ein kleiner Exkurs über die Besonderheiten im Umgang mit taubblinden und hörsehbehinderten Senioren durch die Taubblindenpädagogin Jutta Wiese rundeten den zweiten Fortbildungsteil ab.

Fortbildungsinhalte im Einrichtungsalltag anwenden

Alexander Hartmann vom Burkardus Wohnpark hatte bereits aus den ersten beiden Tagen der Fortbildung viel Informatives mit in den Arbeitsalltag genommen: „Am Montag werde ich mit anderen Augen in unsere Einrichtung gehen und sicher das ein oder andere wahrnehmen, das für sehbehinderte Senioren gut gelöst ist, aber auch einiges, wo wir noch nachbessern können.“ Bei einer anstehenden Umbaumaßnahme in der Bad Kissinger Seniorenresidenz will er sein neu erworbenes Wissen und die Tipps aus dem Leitfaden zum barrierefreien Wohnen, zur richtigen Beleuchtung und zu Kontrasten ebenfalls einfließen lassen. Zum Tag der offenen Tür des Wohnparks am 9. Oktober 2016 hat er Fortbildungsleiterin Sabine Kampmann dazu eingeladen, einen Informationsstand mit Hilfsmitteln anzubieten.

Aber auch bei den anderen Teilnehmern hat die Fortbildung schon einiges in Bewegung gesetzt. In einer Einrichtung der Diakonischen Altenhilfe Wuppertal konnte Nicole Morys eine Augenärztin und eine Optikerin gewinnen, die nun regelmäßig die Bewohnerinnen und Bewohner vor Ort untersuchen. Ein Leit- und Orientierungssystem wurde nachträglich durch ein Fachunternehmen am Fußboden angebracht, Handläufe farblich markiert und farbige Tischsets angeschafft.

„Es freut mich ganz besonders, dass die Teilnehmer die Inhalte der Fortbildung so engagiert in die Praxis umsetzen und somit den Alltag blinder und sehbehinderter Seniorinnen und Senioren in vielerlei Hinsicht erleichtern“, zog Sabine Kampmann eine durchwegs positive Bilanz.

Nächste Fortbildungstermine stehen fest

Die Fortbildungsreihe wird bereits am 27./28. Oktober 2016 fortgesetzt. Ziel ist es, dass viele Beschäftigte der Altenhilfe dieses Thema im Interesse sehbeeinträchtigter Senioren in ihre Einrichtungen bringen. Interessenten können sich unter info@jwk-akademie.de oder telefonisch unter 0931/2092-2394 voranmelden. Dank eines Zuschusses durch die Bert Mettmann Stiftung in Höhe von 150 Euro pro Teilnehmer verringert sich die Teilnahmegebühr auf 300 Euro. Weitere Informationen unter: www.jwk-akademie.de und www.blindeninstitut.de/sehen-im-alter