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„Würstchen für alle“

Würzburg 27.7.2016. Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt Würzburg und die Flüchtlingsberatung der Caritas luden zum Sommerfest in der Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber ein.

Am Vormittag ziehen dunkle Wolken über Würzburg auf und lassen es bei Blitz und Donner kräftig regnen. Fällt das Sommerfest in der großen Gemeinschaftsunterkunft für Asylbewerber (GU) nun ins Wasser? Ich will unbedingt hin, schauen, wie die Stimmung in der Veitshöchheimer Straße ist. Zuviel hat sich in den letzten Tagen bei uns und anderswo ereignet. Das geht auch an den Männern, Frauen und Kindern, die oft Monate oder gar Jahre in den alten Kasernengebäuden leben, nicht spurlos vorüber.

Der Himmel hat ein Einsehen, klart auf und beschert der Stadt wieder einen dieser herrlichen Sommertage. Der Bus bringt mich in die Dürrbachau, wenige Meter sind es bis zum hochumzäunten und gut bewachten Gelände. „Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt“, sagt der Wachmann am Eingang. Er gibt die erste Stahltür per Knopfdruck frei und lässt mich in die Schleuse eintreten. Zum Glück hatte ich mich zuvor bei der Regierung von Unterfranken als Besucher angemeldet. Der Wachmann ist also informiert. Sein Kollege schaut in eine Liste, fragt nach einem weiteren Journalisten und lässt mich dann, wieder per Knopfdruck, die zweite Tür passieren.

Natürlich ist es nicht mein erster Besuch in der GU, denn seit vielen Jahren hat die Caritas hier ihre Büros für die Asylsozialberatung; manches Projekt wurde dort gemeinsam ersonnen, manche Aktion mit dem Fotoapparat festgehalten. Im Keller ist zudem eine Kleiderkammer der Caritas. Aber ein gewisses Unbehagen beschleicht mich doch jedes Mal, wenn ich ins Rund schaue. Die grauen Kasernen, errichte in den 1930er Jahren, säumen einen riesigen Appellplatz. Es gibt ein Haus für Männer, für Frauen, für Familien, eine Poststelle, ein kleines Gebäude für die medizinische Versorgung, die hier zum Glück der Menschen die Missio-Klinik übernommen hat. Wohn- und Duschcontainer stehen auf dem Platz; die Außenstelle der Erstaufnahme Schweinfurt. Gut 500 Menschen sind auf dem Areal untergebracht.

Heute, an diesem strahlenden Sommertag, ist alles etwas anders. Musik und Kinderlachen schallen mir entgegen. Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt Würzburg, ehrenamtlich Engagierte und die Flüchtlingsberatung der Caritas haben zum Sommerfest eingeladen, das elfte, wie mir das Team der Caritas später berichten wird. Männer, Frauen und Kinder aus aller Herren Ländern drängen sich um einen Gasgrill und warten ungeduldig auf Rindswürste und Fladenbrot. „Wir haben doch Würstchen für alle“, ruft Rainer Jäckel, der Caritas-Mann hinterm Grill; die Menschen formieren sich, wohl typisch deutsch, zu einer langen Schlange.

Nun haben mich die Kinder entdeckt. Sie wollen unbedingt die Kamera übernehmen und selbst loslegen. Weil das aber nicht geht, muss ich sie unentwegt fotografieren. „Noch ein Bild, noch ein Bild!“. Sie kommen aus dem Iran, Irak, Syrien und Afghanistan, Äthiopien und Eritrea, Georgien und Armenien. Sie strahlen mit der Sonne um die Wette, jagen bunten Luftballons hinterher, malen die schwarze Straße mit Kreide kräftig an und lassen farbenfrohe Seifenblasen in den blauen Himmel steigen. Sie sprechen gut Deutsch, besuchen den benachbarten Caritas-Kindergarten Heilig Geist und machen einen unbeschwert fröhlichen Eindruck. Dass sie Schlimmes durchgemacht haben und auch hier nicht unter den günstigsten Bedingungen leben, scheinen sie für einen Moment vergessen zu haben.

„Die Leute sollen an diesem Nachmittag Spaß haben“, bestätigt Antonino Pecoraro das Konzept. Es geht auf. Cola und Limonade fließen in Strömen, die Musik wird lauter. Als die Würstchen vom Grill verspeist sind, gibt es frischen Döner. Pecoraro arbeitet ebenfalls bei der Caritas und engagiert sich zugleich im Ausländer- und Integrationsbeirat. Der hat den „Sim Sim al Saituna Döner“ für das Catering gewinnen können, echt lecker.

Dann treffe ich Anna Saribekyan. Sie hat es geschafft, denke ich nach dem Gespräch, das von Minute zu Minute spannender wird. Sie ist der Beweis für gelungene Integration. Saribekyan ist ebenfalls Mitglied im Ausländer- und Integrationsbeirat und hat das Sommerfest mit organisiert. Sie floh mit ihrer Familie aus Armenien, landete irgendwann in der GU Würzburg, lernte dort mit dem Caritas-Projekt „Xenos“ die deutsche Sprache, fand mit dem Caritas-Projekt „Mov’in“ eine kleine Wohnung und ist auf dem besten Weg, examinierte Krankenschwester am Juliusspital zu werden. Sie habe sehr gute Noten, sagt sie mit ein wenig Stolz und lächelt. „Die Leute müssen schnell die Sprache lernen, sonst geht gar nichts“, ist sich Anna Saribekyan sicher. Jetzt setze sie sich auch für die Leute in der GU ein, weil sie selbst wisse, wie schwierig das Leben in den Kasernen ist.

Für die Kinder hat die gebürtige Armenierin eine Piñata mitgebracht. Die lustige Figur aus Pappmarsche hängt im Baum und wartet darauf, von den Kindern mit Stöcken „gepflückt“ zu werden. Die Kinder ahnen, dass sich in ihrem Bauch allerhand Süßigkeiten verbergen. Aber viel Geduld haben sie nicht. Schon nach Sekunden liegt die Piñata am Boden und wird von vielen Kinderhänden geplündert.

Jetzt ist auch der Kollege aus der Lokalredaktion da. Er spricht mit den Fachleuten der Caritas, staunt und lobt die wichtige Arbeit, setzt sich auf eine der vielen Bierbänke und beobachtet das bunte Treiben. „Wie geht es den Kindern?“, fragt er immer wieder. Das Thema treibe ihn um. Im Sommer will er etwas machen zum Leben in der GU, einen Bericht, eine Reportage.

Eigentlich wollte ich mit den Bewohnern über die Ereignisse der letzten Tage und Wochen sprechen. Was denken sie über den Anschlag in Ansbach? Wie ging es ihnen, als sie vom jungen Mann erfuhren, der in der Regionalbahn vier Touristen attackiert und schwer verletzt hat? Ich habe sie nicht gefragt. Der Alltag ist für diese Menschen viel zu schnell wieder da, die Ängste und Sorgen, die Erinnerungen an das, was war und die bange Frage, was kommen wird. Zumindest dieser Nachmittag soll unbeschwert sein. Die Sonne lacht vom blauen Himmel, und Würstchen gibt’s für alle.